Mit einer «Aktie» einen nachhaltigen Beitrag leisten
Statt einer Dividende erhält der «Aktionär» Fleisch. Immer mehr Deutschschweizer finden Gefallen am System.
Leutenegger verkauft Erlebniswerte und erreicht ein enge Kundenbindung. / Ulrich Pfändler
Die faszinierende Landschaft des Maggiatales lockt im Sommer Tausende von Besuchern an. Dass sich in diesem Gebiet 400 Schottische Hochlandrinder von Natur-Konkret bewegen, wird nur bei genauerem Betrachten ersichtlich. Zu Beginn des Projekts vor 13 Jahren grasten lediglich drei Tiere, ein Bulle und zwei Kühe, in den Alpweiden des Maggiatals.
Gegründet hat Guido Leutenegger sein Unternehmen Natur-Konkret 1990. Der ehemalige Thurgauer Kantonsrat wagte seine ersten Weideversuche mit den zotteligen Hochlandrindern 1997 in Kreuzlingen. Die Idee des Kuhinvestments entstand erst viel später.
Oft einziger Bewerber
1999 wagte er den Sprung über die Alpen nach Avegno TI. Das Prinzip der Landschaftspflege nahm er mit ins Tessin und erweiterte es mit dem Gebot des Verbuschungsstopps. Er bewarb sich bei den verschiedenen Ausschreibungen der Bürgergemeinden der Region.
Zu seinem Erstaunen gewann er praktisch jede Ausschreibung. «Erst später wurde mir berichtet, dass ich meistens der einzige Bewerber auf die entsprechenden Ausschreibungen war», sagt der vor Energie strotzende Leutenegger lachend.
25 Gemeinden nehmen Dienst von Nartur-Konkret in Anspruch
An die Fleischproduktion dachte er im ersten Moment nicht. «Wir freuten uns über jedes Kilo Fleisch, das Verhindern des Verbuschens war unsere oberste Maxime», führt der dreifache Familienvater weiter aus.
1999 wählte ihn die Kreuzlinger Bevölkerung auch zum Bau- und Umweltdirektor. Während vier Jahren pendelte er zwischen Kreuzlingen und dem Tessin hin und her. Seine Herde wurde laufend grösser, doch die Arbeit als Stadtrat wollte er noch nicht aufgeben. 2003 entschied er sich, nicht für eine weitere Legislatur zu kandidieren.
2010 nehmen 25 Tessiner Gemeinden die Dienste von Leutenegger und seinem Team in Anspruch. Die Weidefläche beträgt mittlerweile 2500 Hektaren und reicht vom Centovalli über das Maggiatal bis ins Val Colla.
Nutzt verlassene Weiden
Leutenegger bezahlt den Gemeinden für die Weiden ortsübliche Pachtzinsen, die für diese eine wichtige Einnahmequelle darstellen. Flächen, die teilweise seit 25 Jahren nicht mehr bewirtschaftet wurden, kann er gratis benutzen. «Ich bin keine Konkurrenz der ansässigen Landwirte, ich nutze fast nur Weiden, die für andere wirtschaftlich uninteressant sind», betont Leutenegger.
Die robusten, geländegängigen und genügsamen Hochlandrinder verbringen rund sieben Monate auf der Alpweide, die restliche Zeit halten sie sich im Maiensäss und im Tal auf. Im Winter verfüttert er den Tieren Ökoheu.
Einfaches Konzept
Die Idee der Kuhaktien entstand 2007 während eines Gesprächs mit einem befreundeten Banker. Triebfeder des Gedankenblitzes war das sogenannte «Kuh-Pfand». Banken haben früher nach diesem Prinzip Kühe beliehen. Das Konzept ist simpel: Ein Investor stellt dem Betrieb mit der Summe von 2500 Franken ein Rind zur Verfügung. Als Gegenleistung kann der Anleger während zehn Jahren im Wert von 350 Franken Fleisch beziehen.
Besitzer des Tieres ist Natur-Konkret, der Investor, der eine Art Patenschaft übernimmt, erhält eine Urkunde und kann sein Tier auf Wunsch hin besuchen. Dieses System biete für beide Parteien einen Mehrwert, hebt der ausgebildete Lehrer hervor.
Für seinen Betrieb gebe dies Planungssicherheit, eine enge Kundenbindung, einen Werbeeffekt und mache ökonomisch unabhängiger. Er gebe diesen Mehrwert in Form von hochwertigem Ökofleisch zurück. Zudem leisten die Investoren einen
Beitrag zum Naturschutz.
Leutenegger versucht, auch die lokalen Betriebe mit ins Boot zu nehmen. So gründete er mit anderen Ökofleischerzeugern das Label Carne Valli Locarnesi. Sie wollen so das Bewusstsein der Kunden für regionale Produkte schärfen. Zu den Kunden von Leuteneggers Firma zählen nebst Gastrolokalen der Region Locarno, darunter auch Gourmetrestaurants, ebenfalls ein Cateringbetrieb in der Nähe von Zürich. Zudem sei bei weitem nicht jeder Kunde Aktionär. Die privaten Kunden stammen vorwiegend aus der Deutschschweiz.
Eine Sendung von Cash-TV verhalf ihm 2007 zum Durchbruch. 2010 schaltete er Inserate in den Wirtschaftsbünden der Sonntagspresse. Momentan hat Natur-Konkret über 200 Aktionäre.
Optimierungsphase
2008 schrieb seine Firma, die heute rund sieben Vollzeitstellen anbietet, erstmals schwarze Zahlen. «In diesem Jahr schlachten wir das erste Mal wöchentlich von April bis Dezember, um die Lieferfähigkeit zu erhöhen und einem Kundenwunsch zu entsprechen», sagt Leutenegger. Geschlachtet wird in diversen Schlachthöfen. Eine Mitarbeiterin vor Ort ist für das Portionieren und die Lieferung der Ware an Private verantwortlich.
Von Vorteil sei sein flexibles Betriebskonzept, welches eine gewisse Dynamik zulasse. Man müsse aber kontaktfreudig und kreativ sein sowie aus den Rahmenbedingungen das Beste machen. Zudem sei es wichtig, Verantwortung an seine Mitarbeiter abzugeben. Nun folge eine Konsolidierungsphase, doch vielleicht sehe es in einigen Monaten schon ganz anders aus, sagt er und erhält prompt die nächste Bestellung.