Lamy als WTO-Generaldirektor nominiert
Pascal Lamy ist von einem Ausschuss der WTO zum neuen Generaldirektor der Organisation nominiert worden. Das sagten Diplomaten am 13. Mai in Genf.

Der Franzose Pascal Lamy will als künftiger Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO) die Anliegen der Entwicklungsländer berücksichtigen. Er sei nicht der Kandidat reicher Länder, betonte er, als er sich den 148 WTO-Mitgliedern als Kandidat vorstellte.
«Die Entwicklung muss einen Ehrenplatz im internationalen Handelssystem einnehmen», sagte er. Die Öffnung der Märkte und die Reduktion von Handelshindernissen «waren, sind und werdem für Wachstum und Entwicklung unbedingt erforderlich sein», formulierte er sein Credo.
«Sie sind nötig, um den Lebensstandard zu verbessern und Armut zu vermindern, sagte er.» Damit eine Marktöffnung Vorteile bringe, seien qualitativ gute politische Massnahmen nötig.
Biographie von Pascal Lamy
Lamy wurde am 8. April 1947 geboren. Der Absolvent der Ecole Nationale d'Administration (ENA) war seit Beginn der 80er Jahre im Kabinett des damaligen französischen Wirtschaftsministers Jacques Delors als Berater tätig. Von 1984 bis 1985 war Lamy Kabinettschef von Delors während dessen Amtszeit als Präsident der EU-Kommission.
Der Workaholic Lamy gilt auch bei seinen Gegnern als brillanter Intellektueller. Von sich selbst sagt er, er gehöre zu jenen Menschen, die die Vernunft über die Leidenschaft stellen.
Nach seiner Karriere als Spitzenbeamter war der Sozialist von 1999 bis 2004 EU-Handelskommissar. In dieser Funktion setzte sich Lamy für eine Reduktion der Subventionen für Agrarprodukte ein - auch gegen sein eigenes Land.
Entgegenkommen
Kein Generaldirektor aus Entwicklungsland
Viele Entwicklungsländer wollten ursprünglich einen WTO- Generaldirektor aus ihren Reihen. Denn die anderen internationalen Wirtschaftsinstitutionen, die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, werden schon von einem Amerikaner und einem Europäer geleitet.
Vor allem die Agrarprodukte exportierenden Schwellenländer Lateinamerikas misstrauten Lamy. Aber es war Lamy, der an der WTO- Ministerkonferenz in Cancún schon bald der Gruppe der Schwellen- und Entwicklungsländer (G-20) entgegenkam und sich für einen Verzicht auf den Beginn von Verhandlungen über neue, die so genannten Singapurthemen aussprach. Dazu zählte unter anderem der Schutz von Investitionen.
Lamy, der das Funktionieren der WTO wiederholt «mittelalterlich» nannte, erhielt als Kandidat für den WTO-Chefposten von Anfang an die Unterstützung der EU und der USA.
Nach dem Rückzug der Kandidatur des Aussenministers von Mauritius, Jaya Krishna Cuttaree, wurde er auch von einem Grossteil der Länder Afrikas, der Karibik und des Pazifiks (AKP) unterstützt, schliesslich auch von Indien. Die Schweiz hatte sich ebenfalls für Lamy ausgesprochen - sofern er als Kandidat des Nordens die Unterstützung des Südens erhalte.
Nächstes Etappenziel: Hongkong
An der Spitze der WTO wird der neue, für vier Jahre ernannte, Generaldirektor seinen Einfluss geltend machen können, wenn er auch über wenig direkte Macht verfügt. Seine erste wichtige Aufgabe wird der Erfolg der nächsten Ministerkonferenz vom 13. bis 18. Dezember in Hongkong sein.
In Hongkong soll ein Abkommen über eine Reduktion und Abschaffung von Zöllen verabschiedet werden. Die 2001 in Doha begonnene Handelsrunde soll im Jahr 2006 abgeschlossen werden.