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WTO

Agrovina: Agrarpolit-Elefanten-Runde

Die VIPs aus der Schweizer Agrarpolitik diskutierten in Martigny zum Thema "Quo vadis nach Hongkong". Die Antworten fielen einhellig klar aus: Der Weg in die Zukunft für die Schweizer Landwirte führt über Premium-Produkte à la AOC/IGP und über den eingeschlagenen Reformkurs gemäss AP 2011.
Luzius Wasescha, Manfred Bötsch, Jean-Michel Cina und Moderator Jean Bonnard, Chefredaktor "Nouvelliste".

Mit WTO-Delegationsleiter Luzius Wasescha, BLW-Direktor Manfred Bötsch, SBV-Direktor Jacques Bourgeois, der Vorsitzende der Walliser Landwirtschaftskammer und Staatsrat Jean-Michel Cina und Nationalrat und Weinbauer Jean-René Germanier versammelten sich prominente Entscheidungsträger der Schweizer Landwirtschaft auf dem Podium im Rahmen der Weinbau-Messe "Agrovina".

Wasescha machte den rund 300 Forums-Besuchern klar, dass weitere Liberalisierungen in der Landwirtschaft unausweichlich seien. Die Exportsubventionen würden - gemäss den Beschlüssen in Hongkong - spätestens im 2013 verschwunden sein, und die interne Stützung sowie der Zollschutz langfristig massiv abgebaut.

Reformtempo beibehalten und Wertschöpfung steigern

Durch die Agrarreform AP 2011 würde diesen Umständen Rechnung getragen und WTO-Entscheide antizipiert. Auch durch die neue Strategie des Bundes in Richtung vermehrter Wertschöpfung könne ein Teil der Verluste in der Landwirtschaft kompensiert werden, meinte Manfred Bötsch.

Obwohl die Doha-Runde stagniere und das Schreckgespenst "Freihandelsabkommen mit den USA" vorläufig vom Tisch sei, dürften sich die Bauern nicht in falscher Sicherheit wiegen, ging aus den Voten der Podiumsteilnehmer hervor. Es ist wichtig, die Bauern objektiv zu informieren, erklärte Weinbauer Germanier.

"Wir sollten unsere Energie nicht damit verschwenden, an alten Mustern festzuhalten und uns gegen das Unausweichliche sträuben", meinte Lokalmatador Cina, "Ich will die Walliser Landwirtschaft weiter darauf trimmen, Spezialitäten herzustellen." Die Landwirtschaft müsse sich auf die Produktion von Lebensmitteln mit hoher Wertschöpfung, wie die AOC/IGP-Produkte, konzentrieren, ist er überzeugt. Das Wallis ist schon heute der Kanton mit den meisten AOC-Produkten und kämpft zur Zeit für die Monopolstellung des "Raclette du Valais AOC".

Wert steigern mit Produkten mit Identität

Trotz dem sich liberalisierenden Umfeld habe der Export-Siegeszug des Käses bewiesen, dass es keinen Sinn mache, wenn sich die Schweizer Landwirte mit dem Ausland in der Produktion von Massenprodukten zu messen versuchen.

Auch Germanier meinte, dass man sich auf die Sektoren mit Wertschöpfungspotenzial konzentrieren müsse. Der Konsument sei bereit, für Produkte mit einer kulturellen Identität mehr zu bezahlen. In Italien erhielten Milchproduzenten aus dem Parmigiano Reggiano DOP, der "AOC-Parmesan", fast 150 % des durchschnittlichen Milchpreises.

Premium Produkte und der Kontakt mit dem Konsumenten seien der Schlüssel zum Erfolg für die Schweizer Bauern, ist auch Wasescha überzeugt. Dieser musste sich jedoch den Vorwurf von Jacques Bourgois gefallen lassen, dass der Schutz von Geografischen Indikationen (GI), die geschützten Ursprungsbezeichungen wie es die Appellations d'Origin Contrôllées sind, in den WTO-Verhandlungen fast unterginge. Wasescha erinnerte darauf daran, dass die G10, die EU und neuerdings auch Indien alles daran setzten, dieses Thema nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

WTO-Verhandlungen: "Wir sind auf der Hut!"

Die Frage nach dem Weg für die Schweizer Wirtschaft nach dem minimalen Resultat an der WTO-Ministerkonferenz in Hongkong von Mitte Dezember beantwortete Luzius Wasescha mit: "On n'est pas pressé!" Man habe eine schlechte Ausgangslage, wenn man in Verhandlungen unter Zeitdruck reagiere, erklärte der Delegationsleiter. Bevor die anderen Staaten nicht substanzielle Zugeständnisse in Bezug auf Industrieprodukte und Dienstleistungen machen würden, bewege sich die Schweiz in den Agrarverhandlungen nicht weiter, machte Wasescha klar.

"Die Schweiz ist wie ein kleines, wachsames Tier. Es lässt sich auch mal streicheln. Aber wenn es nötig ist, kann es sehr aggressiv reagieren", malte Wasescha sein Bild von der Position der kleinen Schweiz im WTO-Zirkus der Agrargiganten.

Damokles-Schwert droht weiter

Die Verhandlungen in der Doha-Runde sollten zwar bis Ende Jahr abgeschlossen sein, aber nach Hongkong seien die "Knackpunkte" für die G10, die Gruppe der Agrarimporteure, zu denen die Schweiz gehört, immer noch nicht vom Tisch. Das Damoklesschwert des "Capping", des Maximalzollsatzes, beim Abbau von Agrarzöllen schwebe immer noch in den Verhandlungsstrategien der marktbestimmenden Agrarexportriesen.

Auch der Abbau der Zölle in drei Banden treffe die Agrarimporteure weit mehr als die Agraexporteure, welche ihre Produkte regelmässig in allen drei geplanten Zollbanden angesiedelt hätten und bei einem linearen Abbau kompensieren könnten. Die G10-Länder hätten das Gros der Produkte in dem am stärksten abzubauenden höchsten Zollband.

Ausserdem profitierten vom Abbau des Zollschutzes nicht die Entwicklungsländer sondern die aufstrebenden Agrarexportstaaten wie China, Brasilien, Indien und Südafrika.

"Die Mägen der Schweizer werden nicht grösser"

Die Agrarexporteure überschätzten ihre Vorteile durch die Senkung der Schutzzölle bei den Agrarimportländern. Die Schweiz zum Beispiel sei gemäss WTO-Erhebungen schon jetzt der 9. grösste Agrarimporteur der Welt, und könne nicht unbegrenzt mehr Agrarprodukte aus dem Ausland absorbieren. "Die Schweizer können schlichtweg einfach nicht noch mehr essen," meinte Wasescha mit einem Lächeln.


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Barbara Pokorny [25.01.06 17:33]